„In unseren zunehmend vielgestaltigen Gesellschaften ist es wichtig, eine harmonische Interaktion und die Bereitschaft zum Zusammenleben von Menschen und Gruppen mit zugleich mehrfachen, vielfältigen und dynamischen kulturellen Identitäten sicher zu stellen. Nur eine Politik der Einbeziehung und Mitwirkung aller Bürger kann den sozialen Zusammenhalt, die Vitalität der Zivilgesellschaft und den Frieden sichern. Ein so definierter kultureller Pluralismus ist die politische Antwort auf die Realität kultureller Vielfalt. Untrennbar vom demokratischen Rahmen führt kultureller Pluralismus zum kulturellen Austausch und zur Entfaltung kreativer Kapazitäten, die das öffentliche Leben nachhaltig beeinflussen.“
UNESCO, Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt. Artikel 2 - Von kultureller Vielfalt zu kulturellem Pluralismus (2001)
Kultur und Kulturen sind einem ständigen Wandlungsprozess unterworfen. Im Zeitalter der Globalisierung laufen die Prozesse der gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen schneller, verdichteter und in komplexeren Zusammenhängen ab. Weltweite Kommunikationsmöglichkeiten, zeitlich und inhaltlich unbegrenzter Informationstransfer, internationale wirtschaftliche und politische Verflechtungen und weltweite Migrationsbewegungen haben alle Gesellschaften – ohne Ausnahme – verändert.
Auch die Gesellschaft in unserem Land war in den vergangenen Jahren einem nachhaltigen Wandel unterworfen. War die bundesdeutsche Kultur bis in die 80er Jahre geprägt von einer relativen Abgrenzung der Mehrheitsgesellschaft von Migranten-gruppen, die sich größten Teils als ArbeitsmigrantInnen einordnen ließen, zeigt sich heute ein anderes Bild: Das Mosaik der Menschen mit Migrationshintergrund ist facettenreicher geworden. Neben Asylbewerbern leben hier ausländische Gastprofessorinnen ebenso wie Aussiedler, „Green-Card“-Arbeitsmigrantinnen oder ehemalige „Gastarbeiter“ aus den klassischen Anwerbeländern.
Während viele wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehren, bleiben auch viele hier – manche schon in der zweiten und dritten Generation. Gerade diese Kinder und Kindeskinder leben in, mit oder auch zwischen den Kulturen ihrer Eltern und ihres sozialen Umfeldes. Und sie schaffen sich dadurch Eigenformen von kulturellen Identitäten. Geprägt durch ihre persönliche Sozialisation und Enkulturation – also das Heranwachsen in mehreren kulturellen und gesellschaftlichen Bezügen – entwickeln sie neue Mischformen. In Forschung und Wissenschaft spricht man heute von kultureller „Hybridisierung“ oder „kulturellem Synkretismus“, in den schönen Künsten von „Patchwork-Identity“ oder „kultureller mélange“.
Aber auch Menschen ohne Migrationshintergrund weisen in unserer postmodernen Welt keine klaren Lebenslinien mehr auf, wie das noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war. Offene Lebensläufe, ein hoher Grad an Mobilität und eine zunehmende Individualisierung führen zur Offenheit von Gesellschaft und Gesellschaften. Die Grenzen zwischen „uns“ und „den anderen“ werden diffuser und durchlässiger, Abgrenzungen werden unscharf, eigene Verortungen relativ.
Diesen Entwicklungen und Prozessen trägt die Kulturarbeit des Südwind Freiburg e.V. Rechnung. Grundlage unserer Kulturarbeit ist ein ganzheitlicher und „dynamischer Kulturbegriff“, der alle Aspekte des menschlichen Lebens und seiner Äußerungsformen umfasst. Dieser „erweiterte“ Kulturbegriff beinhaltet mehr als die schönen Künste – er umfasst Bildung, Ästhetik als subjektive und kollektive Wahrnehmung, Alltagskultur und künstlerisches Schaffen im, mit und durch den Dialog der Kulturen.
Voraussetzung und Basis für diesen Kulturbegriff ist ein interkultureller Ansatz, der die Arbeit des Südwind Freiburg e.V. bzw. der ausLÄNDERinitiative Freiburg e.V. von Anfang an geprägt und geleitet hat. Dieser „interkulturelle Ansatz“ verfolgt das Ziel, die Allgemeingültigkeit von Kulturalität und von Kulturwandel hervorzuheben und nicht nur die Unterschiede, sondern auch die Gemeinsamkeiten von Kulturen zu beleuchten.
Gleichzeitig betont dieser Ansatz, dass kultureller Wandel sich in Form eines Prozesses vollzieht, bei dem lebensweltliche Sinngehalte von allen Kulturteilnehmern diskursiv ausgehandelt werden. Somit ist kultureller Wandel nicht als Wechsel von einem kulturellen System in ein anderes denkbar, sondern nur als selbst existentes, soziales, politisches und ökonomisches Interaktionsfeld, bei dem in einem fortlaufenden Prozess Wissen und Bedeutungsinhalte ausgehandelt und ständig neu konstruiert werden.
Aus diesem theoretischen Überbau ergeben sich für die Weiterentwicklung unseres Kulturkonzeptes neue Schwerpunkte für die Zielsetzung und die Zielgruppen unserer Arbeit.
Die Kulturarbeit mit einem interkulturellen Ansatz bedeutet, dass der Fokus auf der gesamten Gesellschaft als Kulturraum liegt. Jedes Individuum ist damit Träger und Vermittler von Kultur. Für die Kulturarbeit des Südwind Freiburg e.V. steht deshalb der Mensch als Kulturträger im Vordergrund. Durch gezielte Aktivitäten soll sowohl bei der deutschen Aufnahmegesellschaft wie bei den Zuwanderern selbst ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, andere und sich selbst nicht auf klischeehafte, vorurteilsbehaftete oder romantisierende Vorstellungen der Herkunftskultur zu reduzieren.
Der Mensch als Individuum und als Mitglied verschiedener Teilgruppen soll sich und andere als Kulturträger erleben, welche ihr Leben und ihre Umwelt aktiv gestalten und damit auch zur Weiterentwicklung einer gemeinsamen Gesamtkultur ihren Beitrag leisten. Dabei liegt die Betonung unserer Arbeit auf den ständig neu entstehenden Ausdrucksformen künstlerischen Schaffens durch die Vermischungen aus verschiedenen kulturellen Bezügen. Deshalb liegt unser Schwerpunkt darauf, Kultur und Ästhetik als mélange erlebbar und erfahrbar zu machen.
Unsere zentralen Ziele sind deshalb:
Aus den Leitlinien unseres Kulturkonzepts lassen sich die Zielgruppen unserer Kulturarbeit ableiten:
Gesamtgesellschaft
Die Gesamtgesellschaft ist Adressat unserer Kulturarbeit, weil Interkulturalität nur in der Interaktion von verschiedenen Teilgruppen entsteht. Das bedeutet, dass die Begegnung von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, aus verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und mit unterschiedlichen Funktionen in der Kulturarbeit Schwerpunkt unserer Kulturarbeit ist. Dazu gehören Kulturschaffende unterschiedlicher Nationalität aus allen Sparten und Einrichtungen, Vertreter von Kunst-, Kultur- und Bildungseinrichtungen, Vertreter der Kulturpolitik und der Stadtverwaltung, Migrantenvereinigungen sowie Einrichtungen der Migrations- und Integrationsarbeit.
Teilgruppen
Empowerment, Bildung und Förderung einzelner Personen und Gruppen als Leitziele unserer Arbeit weisen bereits darauf hin, dass die Arbeit mit spezifischen Teilgruppen ebenfalls Teil unseres Kulturkonzepts ist.
Die Auswahl der Teilgruppen orientiert sich an den aktuellen künstlerischen, kulturpolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Arbeitsfeld. So sind zurzeit Kinder, Jugendliche und Senioren aufgrund sozialer, demografischer sowie kultur- und bildungspolitischer Aktualität spezifische Zielgruppen unserer Kulturarbeit.
Mit diesen Teilgruppen sind im Jahr 2005 bereits mehrere Einzelveranstaltungen und Projekte durchgeführt worden, andere laufen noch oder sind in Planung, z.B.:
In den vergangenen Jahren hat sich die Kulturarbeit allgemein verändert. „Event-Kultur“ mit Großveranstaltungen und Kombinationen mehrerer Kunstformen in einer Veranstaltung (z.B. Varieté mit Gourmet-Menü, Musikveranstaltungen mit Videoinstallationen etc.) sind Zuschauermagnete. Kleinkunst nach „selbstgestrickten“ Mustern ist ebenso wenig angesagt wie problembefrachtete Soziokultur. Die Entpolitisierung der Gesellschaft allgemein findet ihren Niederschlag auch in den Kulturszenen. Um die Attraktivität von Veranstaltungen zu erhöhen und dabei künstlerische wie inhaltliche Akzente zu setzen, bieten sich Koproduktionen an, die sich ergänzen und als Gesamtveranstaltung die Teilbereiche besser zur Geltung bringen (z.B. Kinofilm plus Podiumsdiskussion o.ä.).
Außerdem behalten wir Veranstaltungsformen bei, die sich in den letzten Jahren etabliert und bewährt haben: Foren und Diskussionsveranstaltungen zu aktuellen Themen sowie Veranstaltungen, die unter die Rubrik „Infotainment“ fallen – Informationsveranstaltungen mit Rahmenprogramm in Kooperation mit ausländischen Vereinen oder interkulturellen Vereinigungen (z.B. Forum für interreligiöse Zusammenarbeit, MigrantInnenbeirat, internationale StudentInnengruppen).
Die Kulturarbeit wird deshalb auf drei Schienen gefahren:
Kooperationen mit externen Projektpartnern bieten die Möglichkeit Synergieeffekte zu erzielen. Ein finanziell eng gesteckter Rahmen und geringe personelle Ressourcen können kompensiert werden, wenn Projektpartner akquiriert werden, die im Bereich Finanzierung und Organisation zusammenarbeiten.
Neben der Verbesserung der Rahmenbedingungen lassen sich durch Kooperationen die Konzeptionen erweitern, z.B. um die Inhalte der Kooperationspartner. Dadurch können neue Zielgruppen angesprochen werden, größere Öffentlichkeitsresonanz sowie finanzieller Zugewinn erzielt werden.
Außerdem möchten wir durch die Zusammenarbeit eine stärkere Vernetzung unserer Einrichtung mit anderen Kulturschaffenden erreichen und gleichzeitig die interkulturelle Öffnung deutscher Kultureinrichtungen unterstützen.
Für das Jahr 2005 konnten wir bereits mehrere Kooperationspartner für gemeinsame Kulturprojekte gewinnen:
Arbeit im Bereich Migration – Integration ist immer und zwangsläufig auch politische Arbeit. Aufenthaltsrechtliche und integrationspolitische Rahmenbedingungen prägen und bestimmen das Leben und den Alltag von Menschen mit Migrationshintergrund. Deshalb ist eine Auseinandersetzung mit dem Zuwanderungsgesetz, mit Möglichkeiten der politischen Willensbildung und mit den sozialen und kulturellen Folgen dieser Rahmenbedingungen ebenso unumgänglich wie notwendig.
Grundlagen unseres politischen Selbstverständnisses sind eine klare Bejahung unserer demokratisch-pluralistischen Grundordnung, Offenheit, Toleranz und Respekt vor der Würde des Menschen.
Eine parteipolitische oder religiöse Selbstverortung nimmt der Verein nicht für sich in Anspruch. Die politisch-kulturellen Veranstaltungen sollen ein Podium für die Diskurse bieten, welche die Menschen bewegen. Dabei sollen alle Stimmen zu Wort kommen dürfen, ohne Ansehen auf Herkunft, Bildung, Religion oder soziale Stellung.
Dass ein großes Bedürfnis für diese Diskurse besteht, war in der Vergangenheit an der guten Resonanz dieser Veranstaltungen ablesbar. So waren die politischen und religiösen Diskussionsforen immer sehr gut besucht und von einem regen Austausch der Gäste geprägt. Besonders brisante Themen waren:
Soziokulturelle Aktivitäten und spezifische Veranstaltungen zur Alltagskultur sollen helfen, den „Anderen“ zu „erleben“. Sprachliche Schwierigkeiten können kompensiert werden durch nonverbale Kommunikation, die in kleinen Gruppen möglich ist. Der Umgang mit der Alltagskultur und den alltäglichen Dingen, wie Kochen, Handwerken, Familienfeste und Folkloristik zeigen, dass es zwischen den Menschen, trotz der kulturellen Vielfalt, mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Das Gleiche im Anderen legt die eigene Kulturalität und die Standortgebundenheit des eigenen Wertesystems offen und ebnet damit den Weg zur Auseinandersetzung und Akzeptanz des Eigenen und des Anderen, als Nebeneinander von Möglichkeiten kultureller Formen.
Soziokulturelle Angebote sprechen Menschen an, die Erstkontakte mit Menschen anderer Herkunft suchen und/oder die den persönlichen und direkten Kontakt suchen. Hier stehen die face-to-face-Beziehung, die Kommunikation und das gemeinsame Schaffen im Vordergrund. Bei diesen Veranstaltungen soll eine überschaubare Publikumsgröße den Austausch zwischen KünstlerInnen oder ReferentInnen und Gästen gewährleisten und Interaktionen zulassen.
Die Hemmschwelle für MigrantInnen als Gäste teilzunehmen kann gesenkt werden, durch eine familiäre und persönliche Atmosphäre. Kleine Eintrittspreise oder Gratisveranstaltungen sollen MigrantInnen aus finanziell schwächeren Kreisen ansprechen.
Im Laufe der Jahre hat sich unser Verein durch seine langjährige und intensive Arbeit mit ausländischen Vereinen eine breite Öffentlichkeit bei MigrantInnen geschaffen. Diese Form der Basisarbeit ist äußerst arbeitsintensiv, da nur durch Nachhaltigkeit eine Vertrauensbasis und Akzeptanz bei MigrantInnen erreicht werden kann. Das kostet viel Zeit und Geld durch einen hohen personellen Aufwand.
Durch diese Basisarbeit haben sich Kontakte über primäre Einwanderer und deren Familien zu einem generationen- und familienübergreifenden Netz entwickelt. Dieses
Netzwerk hilft, die Dialoggruppen kontinuierlich zu erweitern und diese wiederum in das ständig wachsende Netzwerk einzubinden. Südwind Freiburg e.V. bietet auch anderen Einrichtungen und Institutionen, die im Bereich Migration und Integration tätig sind oder tätig werden möchten, die Möglichkeit zum Kontakt und zur Integration in das soziokulturelle Netzwerk.
Zu den bereits etablierten Kulturveranstaltungen in diesem Arbeitsbereich zählen:
So wie Kultur und Kulturen einem ständigen Wandel unterworfen sind, ist auch unser Kulturkonzept nichts „Fertiges“. Wie der Titel „Konzept“ bereits sagt, bildet es vielmehr einen Entwurf auf Zeit – offen, flexibel und wandelbar – je nach den gesellschaftlichen, politischen, demographischen und künstlerischen Entwicklungen.
Bei aller Offenheit ist unser Kulturkonzept eingebettet in die Gesamtkonzeption des Vereins und bildet einen festen und zentralen Bestandteil unseres ganzheitlichen Kulturansatzes.
Und schließlich ist unser Kulturkonzept auf den Austausch mit anderen ausgerichtet. Nur so kann der Anspruch auf das „diskursive Aushandeln“ dessen, was wir als „Kultur“ und „Kunst“ verstehen, umgesetzt werden.